Und es macht doch einen Unterschied in einem deutsch-schweizerischen Start-up zu arbeiten

Ich erinnere mich noch daran, als ich im dritten Semester meines Bachelors ein Seminar zu „Interkulturellen Kompetenzen“bei Carolin Oder von kulturion besucht habe. Und ich erinnere mich auch noch daran, dass wir Rollenspiele gemacht haben, um die kulturellen Unterschiede besser verinnerlichen zu können. Wir haben Japaner und Amerikaner, Chinesen und Saudis gespielt, aber nie Schweizer. Warum eigentlich nicht? Dass sich mir die Frage damals so gar nicht gestellt hat, lag wahrscheinlich daran, dass sich meine Zusammenstösse mit ihnen auf gemeinsame Fahrten im Sessellift in der Lenzerheide beschränkten. Damals wusste ich aber auch noch nicht, dass ich in doch gar nicht allzu weit entfernter Zukunft einmal Teil eines deutsch-schweizerischen Start-ups sein würde, nämlich qipp (www.qipp.com).

Manchmal ist es eben doch gut, seine alten Uniaufschriebe nicht wegzuwerfen, sondern auf dem Dachboden zu lagern. Graben wir also 6 Jahre später das Handout zum Seminar heraus und schauen, ob es da auch Infos über generalisierte kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Schweizern gibt, die über Stereotype hinausgehen. Viele Folien widmen sich den zwar etwas abstrakten, aber für die Unterscheidung von Kulturen doch sehr hilfreichen  Kulturdimensionen, die von Geert Hofstede erforscht wurden. Die erste und wichtigste Dimension kultureller Werte ist die Unterscheidung zwischen Individualismus und Kollektivismus, also zwischen Ich- und Wir-Identität. Nicht unbedingt verwunderlich, dass sich Deutschland und die Schweiz da an gleicher Stelle auf dem Kontinuum wiederfinden. Sie sind beide eher Individualisten:

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Die zweite Wertedimension nach Hofstede ist die der „Power Distance“. Sie beschreibt den Grad des Hierarchiedenkens in einer Institution oder einer Gesellschaft. Auch hier werden Deutschland und die Deutsch-Schweiz gleich eingeordnet. In beiden Gesellschaften ist die „Power Distance“ eher schwach ausgeprägt. Die Aufspaltung der Schweiz in den deutsch- und französischsprachigen Teil in dieser Dimension zeigt, dass wir gerade die Schweizer nicht alle in einen Topf werfen können, da deutsche, italienische und französische Einflüsse die jeweiligen Regionen stark geprägt haben.

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Drittens lernten wir die Wertedimension bezüglich der Vermeidung von Unsicherheit kennen. Und auch hier – surprise, surprise – sind Deutschland und die Schweiz beide eher starke „Unsicherheitsvermeider“:

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Die vierte Wertedimension ist die der Maskulinität, wo ich doch tatsächlich endlich einen Unterschied finde: Während die Schweizer eine sehr „maskulin“ geprägte Unternehmenskultur leben, leben die Deutschen eine solche zwar auch, aber etwas weniger. Den einen oder anderen mag das vielleicht wundern.

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Wenn wir diese Wertedimensionen betrachten, scheint es kulturell gesehen also keine so grossen Unterschiede zwischen deutscher und schweizerischer Unternehmenskultur zu geben. Aber erleben wir das in unserem Alltag bei qipp wirklich auch so? Ich habe meine Kollegen mal gefragt, was sie denn daran mögen, in einem deutsch-schweizerischen Start-up zu arbeiten. Natürlich kommen wir da an Stereotypen nicht vorbei, aber meistens hat jedes Klischee auch irgendwo seinen wahren Kern. Manfred, unser CIO, findet die Start-up-Szene in der Schweiz viel übersichtlicher als in Deutschland und auch internationaler. Die Schweizer würden alle perfekt Englisch reden, das sei in Deutschland nicht immer so. Ausserdem habe die Schweiz, obwohl sie so klein sei, eine enorme Business-Power und mit Alp ITC eine starke Marke. Alp ITC ist ein High-Tech-Cluster der Westschweiz, das sich dafür einsetzt, dass gute Ideen auch zünden und innovative Start-ups unterstützt. Beispielsweise organisiert es jedes Jahr die Venture Night auf der Lift Conference in Genf, ein Pitch verschiedener Schweizer Start-ups, bei dem wir dieses Jahr übrigens den ersten Platz gewonnen haben. Das Zusammenspiel in einem deutsch-schweizerischen Team scheint sich also auszuzahlen. Manfred findet übrigens, dass die Schweizer neben tollen Start-ups auch tolle Schoki machen – da wären wir dann wieder bei den Klischees.

Unser CEO und Gründer Stefan sieht dieses Zusammenspiel ganz pragmatisch: „Wir holen einfach das Beste aus beiden Welten: Wir kaufen das in Deutschland ein, was dort unschlagbar gut ist, und holen in der Schweiz, was es in Deutschland nicht gibt. Es ist schließlich immer besser, nicht nur im eigenen Ökosystem zu suhlen. Aus Schweizer Sicht haben wir mit einem Standort in Deutschland natürlich auch einen Standort in der EU, was vieles einfacher macht.“  Was qipp angeht, ging es Stefan aber nicht primär um ein deutsch-schweizerisches Set-up per se. Stefan und Manfred kannten sich aus anderen Projekten, in denen die Zusammenarbeit sehr gut funktionierte. Und aus diesen Projekten wurde dann eben ein grosses, qipp – zuhause  in Basel und Freiburg und ein Zuhause für deutsche und schweizerische Mitarbeiter gleichermassen. Unser Team in Basel besteht aus schweizerischen und deutschen Mitarbeitern in Business Development, Marketing und Kommunikation, im Team in Freiburg sitzen unsere deutschen IT-Cracks.

Unserem Entwickler Achim in Freiburg gefallen unsere kreativen Ideen in Basel sehr gut und er fragt sich, ob das an der Schweiz liegt. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich bei qipp eine sehr viel entspanntere Arbeitsatmosphäre als aus meiner Arbeitserfahrung in Deutschland kennengelernt habe und generell halte ich die Schweizer für ein sehr viel entspannteres Völkchen als die Deutschen. Keine Frage, dass das die Kreativität mehr fördert als künstlich veranstaltete Brainstorming-Events außerhalb des Büros. Hatte ich dazu im Seminar nicht auch etwas gehört? Die deutsche Kommunikation entspricht gemäß der Dimensionen von Edward T. Halls sicherlich mehr dem „Low Context-Stil“ als die schweizerische. Das entspricht auch meinem Eindruck, dass Schweizer indirekter kommunizieren: „What you get is what you manage to see.“ Es kann durchaus sein, dass ein Deutscher sich erst an die unausgesprochene Aufforderung gewöhnen muss, zwischen den Zeilen zu lesen.

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Ob es letzlich an den Bergen, am Schweizer Käse, dem Alpöhi oder tatsächlich am high-context communication style liegt, weiss ich nicht, aber unsere Bürowände sind auf jeden Fall mit harmonischer Arbeitsatmosphäre tapeziert.

„Gibt es denn auch etwas, das ihr nicht so mögt in eurem deutsch-schweizerischen Alltag?“, habe ich meine Kollegen gefragt. Darunter fällt wohl der im Basler Büro allseits beliebte Paketdienst, der von den Freiburgern zwar immer brav ausgeführt, in naher Zukunft aber wahrscheinlich eher nicht den Aufstieg zu ihrer Lieblingstätigkeit schaffen wird. Und ich, ich vermisse die Feiertage in Baden-Württemberg. Im reformierten Kanton Basel-Stadt gibt es so viele weniger. Das ist aber nicht nur für uns Deutsche in Basel frustrierend, sondern auch für die Schweizer in Basel, wenn sie ihre Freiburger Kollegen einfach nicht erreichen können. Zum Beispiel wenn die gerade gemachten dringenden Änderungen einfach nicht auf der Website erscheinen wollen. Auch wenn wir meistens wissen, dass die Antwort wahrscheinlich wieder „Cache leeren“ lauten wird, wir wollen sie einfach mal wieder hören, unsere Kollegen im grossen Kanton nebenan.

Ein Ziel des Seminars „Interkulturelle Kompetenzen“ war es, uns zu interkulturell kompetenten Personen zu machen oder uns zumindest mit dem Wissen auszustatten, das auf dem Weg dahin wichtig ist. Ein Charakteristikum interkultureller Kompetenz ist auf jeden Fall, kulturelle Unterschiede zu erkennen und auch zu bewundern.

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Und das tun wir in unserem Alltag jeden Tag. Ich für meinen Teil musste erst lernen, dass unser CMO Claudio nebenberuflich keine Telefonreparaturwerkstatt o.Ä. betreibt, weil er seine Telefonate immer mit „Danke fürs Telefon!“ beendet. Aber dieser kleine Satz ist zu meinem absoluten Lieblings“helvetismus“ geworden und mittlerweile ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich ihn immer öfter selber sage. Letztlich sind wir in unserem Team sowieso nicht einfach nur Deutsche und Schweizer, sondern alle einzigartig in der jeweiligen Kultur. Jeder von uns besitzt nämlich seine eigene Kultur – darf ich vorstellen: „the onion“:

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Good job, Frau Oder, an die Zwiebel kann ich mich tatsächlich auch nach 6 Jahren noch gut erinnern!

Wer mehr Helvetismen, d.h. sprachliche Besonderheiten im Schweizerhochdeutschen kennenlernen möchte, der findet hier eine nette oder sagen wir doch gleich herzige Übersetzung einer kleinen Geschichte.

http://schiller-text.ch/2014/01/27/zum-zmittag-eine-portion-helvetia/

 

Wir danken der Autorin: Christina Geiger, studiert Sustainable Development an der Universität Basel und arbeitet bei der qipp AG, einem deutsch-schweizerischen Start-up im IoT-Bereich.

Das Seminar „Interkulturelle Kompetenzen“ besuchte sie während ihres Bachelors in International Business an der ESB Reutlingen.

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