Kraftwerk Bremen – Accelerator als Smart City Ansatz

Accelereator

ruckseite

Kraftwerk Accelerator Bremen – Außenansicht

Es wurde bereits von anderen gerechnet. Im Jahr 2050 sollen 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben – 6,3 Milliarden davon weltweit in den großen Städten. Infolge dessen werden technische und soziale Innovationen zum essentiellen Schlüssel bei der Gestaltung der Zukunftsfähigkeit unserer Städte. Durch sie verändern sich unsere Definitionen von Arbeit, die sozialen Strukturen, in denen wir uns bewegen, das politische Engagement, mit dem wir unsere  Interessen artikulieren, unsere Freizeit, unser Konsumverhalten und nicht zuletzt auch die Art und Weise, wie Unternehmen gebaut und geführt werden und wie unsere Wirtschaft funktioniert. Diese und anderen Themen werden gerade intensiv im Kraftwerk-Accelerator Ansatz diskutiert.
Smart City? Green City? Smart oder green oder eben dumm und grau, das Thema ist reif. Denn die Herausforderungen warten nicht mehr am fernen Horizont neben den Wünschen und Hoffnungen unserer Gesellschaft, sondern klopfen bereits an unseren Haustüren: Die Erschütterung der gesellschaftlichen Funktionssysteme (Politik, Wirtschaft, Finanzwesen) und ihrer Institutionen befeuern Fragen nach ökonomischer und sozialer Gerechtigkeit bei schonendem Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen. Den mahnenden Zeigefinger können wir dabei getrost in der Hosentasche wieder einfalten.

Wir haben uns mit dem Innovation-Consultant Jan Bathel, Gründer der Ignore Gravity GmbH aus Berlin, über den Smart City Accelerator Kraftwerk Bremen unterhalten.

Welche Idee verfolgt Ihr mit dem Kraftwerk Bremen Accelerator und wer sind die Initiatoren dieses Smart City Ansatzes?

Wenn es um die Stadt der Zukunft ginge, dann würde ich zunächst bei Rem Koolhas nachlesen: „In the contemporary world, functional designs have become abstractions in the sense that they are no longer linked to a specific environment or city, but float and gravitate around the place in an opportunistic manner, offering the maximum number of relationships.“ (Koolhaas, Rem (1992): Urbanism after Innocence: Four Projects: The Reinvention of Geometry. Assemblage, No. 18, S. 82-113.)

In bereits bestehenden Strukturen, die zumindest in Deutschland weitestgehend durch Stadtwerke definiert werden, sind dafür notwendige Innovationen jedoch nur schwer zu realisieren. Wird die Entwicklung neuer Geschäftsfelder und Geschäftsmodelle nicht mitgedacht, halten die Player keinen Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunftssicherung in Händen.

Gerne stelle ich zwei Thesen in den Raum:

  1. Die Zukunftssicherung der Stadt der Zukunft bereitet Lösungen für eine „smart infrastructur“ vor. So würde man das „green“ im Label „green city“ gleichsam mitdenken. Unter Einbindung des regionalen Umfeldes kann eine nachhaltige Entwicklung vorangetrieben werden. Ich sehe vier Handlungsfelder, die dabei im Kraftwerk Accelerator besonders im Fokus stehen:
    1. Energie – Produktion, Versorgung, Einsparung, Management von zentraler/dezentraler Energie
    2. Abfall – Entsorgung, Recycling, Vermeidung
    3. Transport – Güterversorgung, öffentlicher & individueller Verkehr und als Schlüssel für das Multistakeholdermanagement
    4. Partizipation – Kommunikation und IT-Infrastruktur, Einbindung der Öffentlichkeit
  1. Mit dem kleinen Wort Partizipation ist Reorganisation einer geteilten Zukunft der Stadt gemeint. Die Einführung des Computers und damit die Veränderung von Kommunikationsmedien einer neuen Generation verändert bereits Wirtschaft und Gesellschaft in einem besonderen Ausmaß. HRler wissen es unlängst. Sie stoßen auf ein Kaleidoskop aus Create Meaning – Diskussionen und -Prozessen statt Karrieresuchpfaden. Top Talents halten sie lange nicht mehr mit höheren Gehaltschecks bei Stange. Der intensive Austausch über sinnvolle und sinnleere Arbeiten ist im Gange. Digital und omnipräsent. Hätte man demnach die Organisation einer Green City im Sinn, so gilt es über den Sinnkontext die Generation der Zukunft an dem Vorhaben zu beteiligen. Andernfalls organisiert die sich selber an den bestehenden Strukturen vorbei. Hier versuchen wir die Kräfte zu bündeln.

Kurz zum Initiator: Ignore Gravity ist eine Berliner Agentur, die Transformationsprozesse und Innovavationsvorhaben gestaltet und begleitet. Wir sind in verschiedenen Branchen und Industrien in Großorganisationen an der Seite des Top-Managements zu finden, wie bei start-up-Küchentisch-Gründungen, (Un)Konferenzen und Next-Society-Initiativen. Social Entrepreneurship liegt uns dabei am Herzen. Die Gestaltung von Orten, an denen Innovation stattfindet hat es mir dabei am meisten angetan: Mit unserem creativespaceexplorer.org haben wir verschiedene innovative Orte weltweit gemapped und Tiefeninterviews geführt. Ein Buchprojekt folgt.

Was sind Unterstützungsangebote für Gründungen durch den Kraftwerk Accelerator?

kraftwerk startet mit zwei Ausschreibungen: Startups können sich bis zum 15. August 2015 auf die Themenkomplexe ´Energie für meine Stadt´ & ´Abfall-Management in der Zukunft´! bewerben. Dem Gewinnerteam der kraftwerk Smart Tech Trophy 2015 winkt ein Preisgeld von 3.000,-€, dem zweitplatzierten 1.000,-€ und dem drittplatzierten 500,-€.
Die Gewinner können zudem in den Accelerator oder Incubator aufgenommen werden. kraftwerk unterstützt mit speziellen Angeboten. Das Programm bietet den beteiligten Startups für einen Zeitraum von einem Jahr Büroplätze, Stipendien, Mentoren- und Expertenunterstützung, Infrastruktur, Business-Coachings, Workshops, Community-Events und ein eingespieltes Business-Netzwerk. Weitere Infos zu unseren Förderprogrammen findet man auf unserer website:

Wie sieht die Unterstützung des Accelerators im ersten Jahr genau aus?

Das einjährige Förderprogramm startet mit dem kraftwerk-summercamp. Vor einer Experten-Jury, die sich aus Managern der beteiligten Partnerunternehmen, Hochschulprofessoren und erfahrenen Wirtschaftsfachleuten zusammensetzt, stellen die Bewerberteams ihre Ideen vor. Die Jury wählt die besten Ideen aus, die dann im Förderprogramm aufgenommen werden.

Das Förderprogramm besteht aus drei Stufen von je vier Monaten:

Early Bird: Gründer-Werkstätten, Entwicklung von Business-Modellen, Marktanalyse, Team-Entwicklung und Zugang zum Gründer-Netzwerk

Nest: Prototyping, Marketing, Organisationsaufbau, Team-Entwicklung

Jump: Vertriebsaufbau, Organisations-Entwicklung, VC-Kontakte, Coaching

Für jede Stufe werden mit den Teams individuelle Ziele und Meilensteine vereinbart. Nach jeder Stufe entscheiden die Mentoren der Teams gemeinsam, ob das Team in die nächste Stufe aufgenommen wird.

Wie läuft das Bewerbungsverfahren ab?

Am 16. September 2015 stellen die Bewerberteams einer Experten-Jury, die sich aus Managern und Experten der beteiligten Partnerunternehmen, Hochschulprofessoren und erfahrenen Wirtschaftsfachleuten zusammensetzt, ihre Ideen vor. Die Jury wählt die besten Ideen aus, die dann ins Accelerator-Programm aufgenommen werden.

Alle Daten werden vertraulich behandelt und niemals an dritte weitergeleitet. Für Vertraulichkeit und Schutz der Ideen ist gesorgt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Alle Projektbeteiligten verpflichten sich zur Geheimhaltung der im Rahmen des Wettbewerbs erhaltenen Informationen.

Gibt es Ziele hinsichtlich des Ausbaus und der Expansion des Accelerator-Ansatzes in weitere Städte?

Viele kleine Innovationen stehen schon in den Startlöchern: Mit der Umstellung auf dezentrale Energieerzeugung wird die Nutzung des Stromnetzes und längerfristig seine Struktur verändert. Voraussetzung ist, dass es gelingt, die Energieversorgung aus der Region selbst heraus zu organisieren. Vor allem größere Städte haben oft gar nicht ausreichend Fläche im Stadtgebiet, um die Energieversorgung der dichten Bevölkerung zu gewährleisten. Entwicklung einer Innovationsökologie zur Erschließung neuer Geschäftsfelder im Rahmen der regionalen Infrastruktur: Die Schlüsselfrage nach einem Netzwerk-Aufbau mit Vertretern, der Stadt, der Wirtschaft, Partnern, den Bürgern, Förderern & Sponsoren lautet: Wer lädt jeweils wen, wie intelligent dazu ein? Kraftwerk startet hier ein Experiment. Ignore Gravity als Innovation-Partner sucht nach weiteren Deutschen Kraftwerken, die mit in unserer Idee einsteigen wollen. Der Hannover/Braunschweig-Kreis ist dabei sehr interessant. Es hat nur noch niemand bei mir angerufen ;=)

Wo siehst Du die wesentliche Herausforderung hin zu einem innovativen Smart City Ansatz?

Sicherlich ist die Energiewende im Kontext der „Green City“ die Herausforderung schlechthin und das Jahrhundertprojekt der Deutschen. Bis 2050 will das Land sein Energiesystem so grundlegend ändern, dass es in punkto Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen und Ausstieg aus der Kernenergie weltweit als wegweisend ist. Kraftwerk will hier ein Wegbereiter sein:
Die Zukunft ruft verschiedene Geister: Sicher, klimafreundlich und preiswert soll die Energieversorgung der Zukunft sein. Ebenso muss  sie vereinbar sein mit dem Europäischen Energie- und Binnenmarkt. Die Herausforderungen sind komplex. Ein entscheidender Beitrag zu ihrer Bewältigung kann und muss von den existierenden Know-how-Trägern kommen – aber nur, wenn sie sich als Teil der Lösung verstehen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch.

Jan Bathel (Founder von Ignore Gravity GmbH )

Jan Bathel

 

 

 

 

 

Interview geführt durch Tobias Wedler (Initiator von Gründerimpuls und Innovation Consultant am Entrepreneurship Center)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.